Immer büffeln

 

Viel Geld für Bildung: In Taiwan geht die Schule den Eltern über alles, um den Lebensstandard zu sichern

 

TAIPEH. Donnerstagabend, Viertel vor zehn: Die drei kleinen Klassenzimmer einer Nach- hilfeschule in Taipeh sind spartanisch ausge- stattet. Neonlicht, Metallstühle ohne Pols- ter, ein Schreibtisch für je drei Schüler und eine Überwachungskamera in einer Ecke. Der Lehrer, ein übergewichtiger Mann im Jogginganzug, erklärt monoton mathemati- sche Formeln und kritzelt sie mit blauem Marker an die Tafel. Die Formeln, Kalkula- tionen und Grafiken sind komplex. Es scheint, den Teenagern werde Lehrstoff auf Hochschulniveau vermittelt.

Drei Viertel der taiwanesischen Schüler besuchen nach dem regulären Unterricht noch eine solche, auf Chinesisch Buxiban ge- nannte private Nachhilfeschule. Wie auch in Deutschland floriert in dem ostasiati- schen Land das Geschäft mit der Bildung.

Doch anders als hierzulande begann diese Entwicklung in Taiwan bereits vor drei Jahrzehnten. Chinesisch, Mathematik, Englisch und Naturwissenschaften werden nach dem Unterricht weitergebüffelt, und Freizeit ist für die Kinder ein knappes Gut.

Viele Kinder verbringen bis zu 16 Stun- den am Tag auf dem Schulweg, im Unter- richt und bei den Hausaufgaben, warnen Psychologen und Kinderschutzorganisatio- nen. Mittelschüler, also Kinder im Alter zwi- schen zwölf und 16 Jahren, schliefen im Durchschnitt weniger als sieben Stunden.

„Schulfrei habe ich nur, wenn ein Taifun tobt, und in der Woche über das chinesische Neujahrsfest, sonst habe ich jeden Tag im Jahr Unterricht“, sagt die 15-jährige Amy Xiong, die in die neunte Klasse geht. „Alle meine Freundinnen gehen nach dem regulä- ren Unterricht noch in Nachhilfeschulen. Wenn man nicht so fleißig ist, kommt man in der Schule sonst nicht hinterher.“

Rund 9000 lizenzierte Buxibans gibt es nach den Statistiken des Bildungsministeri- ums in Taiwan. Viele werden als Franchise- Firmen geführt. Einige haben sich zu Groß- unternehmen entwickelt, die längst nach China, Korea oder Japan expandiert haben.

Amys Klassenzimmer in der Nachhilfe- schule ist in Weiß und Grün gestrichen, eine Wand besteht aus Glas. Vom Flur aus sehen einige Eltern ihrem Nachwuchs beim Pau- ken zu. Auf den Schreibtischen liegen neben Schulbüchern und Federmappen Essstäb- chen und kleine halbleer gegessene Pappkar- tons mit Reis oder Nudeln. Es ist kühl, Kon- denswasser tropft aus der Klimaanlage. Die meisten Schüler tragen noch die Schuluni- form ihrer Mittelschule, denn sie waren seit dem frühen Morgen nicht mehr zu Hause. Um 22.05 Uhr legt der Lehrer den Marker auf das Pult. Die geplagten Kinder können endlich aufatmen, und auch die Eltern hin- ter der Scheibe scheinen erleichtert.

Amy wird von ihrer Mutter abgeholt. Es war ein langer Tag. Die Teenagerin ist müde. Die neunte Klasse ist ihr schwerstes Jahr. Der Besuch der Mittelschule steht in Taiwan allen Kindern zu, aber die Plätze in

den weiterführenden Oberschulen sind be- grenzt und hart umkämpft. „Ohne Ober- schulabschluss kann man keine Universität besuchen und hat auch sonst wenig Chan- cen auf eine gute Ausbildung“, sagt Amy. Für die rigorose Aufnahmeprüfung zur Oberschule, die im Mai auf sie zukommt, paukt sie abends noch länger als zuvor.

Die 15-Jährige steht täglich um 6.50 Uhr auf und isst ihr Frühstück oft im Gehen auf dem Weg zur Mittelschule. Jeder Schultag beginnt mit Tests für mehrere Fächer. Bis zum Mittagessen wird dann unterrichtet. Das Essen nehmen die Kinder in der Schule ein, anschließend dürfen sie eine halbe Stunde schlafen – sitzend, mit dem Kopf auf dem Schreibtisch. Danach wird bis 16.30 Uhr weiter unterrichtet, die darauffolgende letzte Stunde des Schultags ist dann weite- ren Klassenarbeiten vorbehalten.

Nach Schulschluss geht Amy in die Buxi- ban und lernt dort von 18.30 bis 22 Uhr, an Samstagen ist sie sogar den ganzen Tag dort, an den Sonntagen morgens und abends. Hausaufgaben macht Amy in der Re- gel erst nach 22.30 Uhr.

Frei hat sie nur am Sonntagnachmittag. Die wenigen Stunden verbringt das junge Mädchen bei gutem Wetter gern in dem klei- nen Park in der Nähe der Buxiban und spielt mit ihren Freundinnen Federball.

Krankenschwester möchte Amy werden, und sie weiß genau, dass die Erfüllung die- ses Traums von ihrem Abschneiden bei dem großen Test im Mai abhängt. Nicht nur auf Amy lastet Druck, ihre Eltern müssen im Monat umgerechnet 260 Euro für den Nach- hilfeunterricht bezahlen. Keine Kleinigkeit bei einem monatlichen Durchschnittsein- kommen in Taiwan von etwa 900 Euro. Amy ist ein Einzelkind. Doch selbst wenn sie Ge- schwister hätte, würde ihre Mutter auch diese Kinder zur Buxiban schicken.

Wirtschaftliche Überlegungen und die kulturelle Tradition bringen viele taiwanesi- sche Eltern dazu, ihren Kindern und sich sol- che Opfer abzuverlangen. In Taiwan gibt zwar oberflächlich gesehen eine „Höher, schneller, größer“-Modernität den Ton an, doch das Denken und Miteinander wird noch von den Werten und Lehren der alten chinesischen Philosophen geprägt. Eine der wichtigsten Säulen dabei ist neben der Ach- tung der Eltern die fast religiöse Wertschät- zung der Bildung. Die Investition in Bildung wird so für Familien zur Pflicht.

Und ganz pragmatisch sehen viele Eltern die Ausgaben für die Ausbildung der Kin- der als eine Investition in die Zukunft. Im vergangenen Jahr geriet Taiwan als Land mit der weltweit niedrigsten Geburtenrate in den Fokus der internationalen Medien. Da auch der Anteil der über 65-Jährigen ständig steigt und nur noch 16 Prozent der Gesamtbevölkerung jünger als 15 Jahre alt ist, wird der Alterungsgrad der Bevölke- rung Taiwans im asiatischen Vergleich nur noch von Japan übertroffen. Kein Wunder, dass viele Taiwanesen eine Überlastung des staatlichen Sozialsystems fürchten.

Die Rechnung ist einfach: Je höher der Bil- dungsgrad des Nachwuchses, desto höher dessen Einkommen; je höher das Einkom- men, desto besser kommen Mutter und Va- ter im Alter über die Runden. Denn drei Ge- nerationen unter einem Dach sind in Tai- wan der Normalfall.

Weniger als zehn Prozent der Senioren verbringen Medienberichten zufolge ihren Lebensabend in Langzeitpflege-Einrichtun-

gen. Die alten Eltern leben oft im Haushalt des ältesten Sohnes, und traditionell wird von allen Söhnen erwartet, dass sie Vater und Mutter finanziell unterstützen. Im mo- dernen Taiwan mit seiner hohen Rate an be- rufstätigen Frauen sorgen aber auch immer mehr Töchter für ihre Eltern. Statt also Geld für eine private Alters-, Lebens- oder Pflegeversicherung auszugeben, wird es lie- ber in die Bildung der Kinder gesteckt. Zwar sind Taiwanesen durch eine gesetzli- che Krankenversicherung geschützt, bei al- lem anderen setzen sie aber auf die Familie, beklagen Versicherungsvertreter.

Wie in Deutschland wird auch auf der fernöstlichen Insel viel über das Für und Wi- der von Ganztags- und Nachhilfeschulen und die hohe Belastung der Kinder disku- tiert. So mancher Taiwanese sieht dabei das wirtschaftliche Überleben seines Landes in Gefahr, wenn der strenge und lange Unter-

richt abgeschafft wird. Das drakonische Bil- dungssystem garantiere genau die Art von disziplinierten und leistungsfähigen Arbeit- nehmern, die ein Land ohne nennenswerte Bodenschätze brauche, erklärt der Universi- tätsdozent Mo Reddad. Den Schülern werde an den langen Schultagen nicht nur Wissen, sondern auch Durchhaltevermögen beige- bracht. Die vielen Klassenarbeiten förder- ten die Wettbewerbsfähigkeit und Effektivi- tät der Kinder, erläutert Reddad.

Und damit die Schüler nicht auf dumme Gedanken kommen und gar rebellieren, ist das Tragen von Schuluniformen Pflicht und, bis vor kurzem, das von Make-up dage- gen verboten. Unpünktlichkeit sowie das Vergessen von Hausaufgaben werden streng geahndet. Körperliche Strafen, wie das Schlagen mit dem Zeigestock auf die Hand- flächen der Schüler, sind zwar seit Ende 2006 gesetzlich verboten, doch halten sich

nicht alle Lehrer daran. In Umfragen gaben 16 Prozent der Mittelschüler an, von einem Lehrer im Klassenzimmer geschlagen wor- den zu sein. Viele Taiwanesen glauben, dem Land bleibe dadurch viel soziales Übel er- spart. Die Strenge gegenüber den Kindern garantiere niedrige Verbrechensraten, weni- ger Rassismus und Obdachlosigkeit und dämme den Alkohol- und Drogenmiss- brauch ein.

Die Betreiberin von Amy Xiongs Buxi- ban, die Englischlehrerin Ursula Wang, ver- folgt die gesellschaftlichen und bildungs- politischen Debatten ihres Landes seit Eröff- nung ihrer Schule vor nunmehr 20 Jahren. Sie hält es für durchaus möglich, dass die Tage des spätabendlichen Lernens gezählt sind. „Die ganz jungen Eltern, also die so Mitte zwanzig, verzichten auf die Nachhilfe- schulen. Die verbringen lieber mehr Zeit zu Hause mit ihren Kindern.“

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