Pazifikinsel statt Hartz IV: Ich bin Taiwans friesischer Nachhilfelehrer

Ein Blick auf die Uhr im Lehrerzimmer, fünf vor vier, der Unterricht fängt gleich an. Ich klemme mir das Englischbuch unter den Arm, und als ich dann Sekunden später vor meiner Klasse stehe, das gewohnte Bild: meine beste Schülerin Sandy Wang bohrt sich gleich mit den Zeigefingern beider Hände in der Nase, und Kevin Wang schmiert Kevin Chen einen dicken Tropfen Uhu in die Haare.

Aus dem niedersächsischem Friesland komme ich, sechs Jahre unterrichte ich schon Englisch in Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. Wie es dazu kam? Am Ende eines Thailandurlaubes sind mir Gerüchte zu Ohren gekommen, dass man in Taipeh ganz leicht Arbeit als Englischlehrer finden kann. In Friesland sah es damals mit Arbeit eher schlecht aus.

Taiwanesische Kinder verbringen viel Zeit in Klassenzimmern, tagsüber in denen der regulären staatlichen Schule, und danach in denen einer der Einrichtungen, die man in Taipeh an jeder Straßenecke sieht: den Buxibans, den privat geführten Nachhilfeschulen.

Naturwissenschaften, Mathe und Chinesisch werden gepaukt, aber das populärste Fach ist Englisch, und da taiwanesische Eltern viel Wert auf die ganz korrekte Aussprache ihres Nachwuchses legen, sind die an den Buxibans arbeitenden Englischlehrer meistens Ausländer: Amerikaner, Kanadier, aber auch Deutsche, Niederländer und Skandinavier – kurz gesagt, alles was aus dem Westen kommt und Englisch sprechen kann.

Der Psychologe Wang Haowei hat errechnet, dass taiwanesische Kinder an Schultagen insgesamt 16 Stunden in Klassenzimmern, auf dem Weg dorthin und zurück, oder bei den Hausaufgaben verbringen. Fernsehabende, Fußballklub oder Computerspiele sind da gar nicht drin.

„Ich würde, wenn ich selber Kinder hätte, diese nie in Taiwan aufwachsen lassen wollen, so ein Bildungssystem würde ich meinem Nachwuchs auf keinen Fall zumuten wollen“, erzählte ich meiner Mutter und meinen Freunden in Deutschland oft entschlossen am Telefon, „es gibt doch viel zu viel für das Leben wichtige, das man als Kind nur außerhalb eines Klassenzimmers lernen kann.“

Ich kam in ein Land, von dem ich, außer dass es viel Arbeit für Leute wie mich geben sollte, gar nichts wusste. Die Gerüchte mit der Arbeit erwiesen sich jedoch als wahr: keine 24 Stunden nach meiner Ankunft in Taipeh stand ich, der Norddeutsche, in einem Klassenzimmer und sang 20 Taipeher Kindern das einzige amerikanische Kinderlied vor dessen Text ich konnte: „Twinkle, twinkle, little star…“

Ich erinnere mich, dass mein erster Eindruck mit dem Wort „irritierent“ sehr milde beschrieben wäre, denn plötzlich galt ich als Lehrer, ich, der zuvor nie mit Kindern, geschweige denn mit Bildung zu tun hatte.

Aber: Am Abend bekam ich meinen ersten „Hongbao“, den in chinesischen Ländern immer aus rotem Papier gefertigtem Geldgeschenkkuvert. 90€ für 6 Stunden, gar nicht schlecht, zumal, wie ich, der frischgebackene Nachhilfelehrer, schnell bemerkt hatte, die Lebenshaltungskosten Taipehs um die 30% niedriger liegen als die einer deutschen Großstadt.

Mein Englisch war am Anfang nicht das allerbeste, da war nur mein Realschulenglisch und was man vom Musikhören so kennt.  Daraus ergab sich im Klassenzimmer oft eine bizarre Situation: Die Kinder waren viel besser als ich im Lesen und vor allem im Buchstabieren, nur mit dem frei sprechen haperte es meist. Unzählige Male erwischten mich meine Schüler beim falschen konjugieren unregelmäßiger Verben, und der Gipfel der Peinlichkeiten war wohl erreicht, als mir bei einer Klassenfahrt in den Zoo das englische Wort für „Giraffe“ nicht einfiel.

Ich kann also sagen: Englisch-lehren und Englisch-lernen waren in meinen ersten Monaten als Lehrer überhaupt nicht auseinander zu halten.

In den Ländern Nordost Asiens gibt äußerlich eine „ Höher, Schneller, Größer“ – Modernität den Ton an, aber innerlich prägen die von den chinesischen Philosophen der Antike vermittelten Werte das Denken und Miteinander, und neben der Ehrung der Eltern ist die fast religionsartige Wertschätzung der Bildung die wichtigste Säule dieser Lehren. Während laut Xun Zi der Mensch als schlecht geboren werde und dann erst durch Bildung eine Chance bekomme, gut zu werden, lehrte Menzius das Kind seie zuerst einmal gut, werde aber, wenn es keine Erziehung erhalte, sich zwangsläufig zum schlechten Menschen entwickeln.

Kein Wunder, dass es von den Buxibans so viele gibt. 14000 sollen es taiwanesischen Medienberichten zufolge sein, mit über 1000 als Englischlehrer arbeitenden Angehörigen westlicher Staaten. So genau kennt allerdings keiner die Zahlen, da viele der Buxibans illegal betrieben werden und viele der Ausländer mit anderen Visa als dem für Englischlehrer vorgeschriebenem arbeiten.

Einige der taiwanesischen Buxibans, von denen viele als Franchiseunternehmen geführt werden, haben sich zu Großunternehmen entwickelt. Jordan Language School, nach Firmenangaben die größte Nachhilfeschule in Taiwan, hat längst nach China, Korea, Japan und Südostasien expandiert. 500 Schulen sind es insgesamt, davon 20 in China. Jede der Schulen hat, wie Jordans Shanghai Filiale, um die 80 Schüler.

So eine Verbindung von Bildung und Geschäft war für mich, der im Deutschland der siebziger Jahre mit staatlich finanzierter Bildung für alle aufgewachsen ist, von Anfang an eher unheimlich. Ich lebe sehr gerne in Taiwan, aber ich möchte jedem, der wie ich dem winterlichen Deutschland von Hartz IV entfliehen und als Nachhilfelehrer im subtropischen Taipeh arbeiten möchte, eine Warnung geben: Man braucht sehr, sehr viel Geduld, um mit Kindern zu arbeiten. Ich werde beim Unterrichten immer mit Radiergummis beworfen, das hält nicht jeder aus.

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