Stadtplanung nach Art der Vereinten Nationen: Taipehs Minsheng Community

Alleen, in denen Baumkronen den Asphalt in domartigen Bögen überwachsen; in denen üppige Vegetation den Staub der Stadt und das oft brutal grelle Sonnenlicht filtern; in denen selbst das Markenzeichen Taipehs, der Lärm der allgegenwärtigen Motorroller, manchmal für die Dauer von Minuten nicht zu vernehmen ist.

Nur ein Steinwurf von Taipehs Dunhua North Road, eine der Hauptstraßen der Stadt, scheint die Minsheng Community nach dem Vorbild  bürgerlicher Viertel europäischer Städte entworfen worden zu sein. Trendy Designstudios und Architektturbüros gehören zum Straßenbild, sowie Fernseh- und Filmteams, die auf den Straßen Dreharbeiten durchführen.

„Wir Filmteams mögen die Gegend hier, in jedem anderen Teil Taipehs müssen wir ständig Szenen wiederholen, nur weil plötzlich ein lauter Motorroller zu hören ist“, sagt Alan Wu (吳信賢), Filmtechniker der Firma TVking (映畫製作), während er Kamera und Tonaufnahmegerät auf einem Fußweg installiert.

Er erklärt, warum in der Minsheng Community an jedem gegebenen Tag Kamerateams zu sehen sind: „Dadurch, dass unsere Location-Guides die Straßen und Gässchen hier als  Drehorte vorschlagen, vermeiden sie einfach Risiken.“

Nach dem Ende des Chinesischen Bürgerkrieges zwischen den Kommunisten Maos und den Nationalisten Chiang Kai-schecks und der darauffolgenden Evakuierung der unterlegenen Nationalisten auf die Insel Taiwan, war Taiwan von den Amerikanern dafür vorgesehen, als Bollwerk gegen den Kommunismus Chinas zu dienen.

Als Militärhilfe und für die Verbesserung der Infrastruktur erhielt Taipeh jährlich um die 100 Millionen US$.

Die Minsheng Community wurde mit 5 Millionen US$ amerikanischer Hilfsgelder errichtet. Die Bebauungspläne wurden nach Empfehlungen von Ingenieuren der Vereinten Nationen entworfen. 110 Hektar vorstädtischer Reisfelder zwischen Keelung River, Songshan Airport und Dunhua North Road sollten als Modell für Asiens rapide Urbanisierung dienen: moderne Wohnungen, gute Straßen und verbesserte öffentliche Einrichtungen; außerdem wurden 10% der Gesamtfläche als Parkfläche designiert.

Von 1964 an dauerte es neun Jahre, eine Wohngegend zu erbauen, die den Ansprüchen amerikanischer Stadtplanung gerecht wurde. Als eine Neuigkeit für das damalige Taiwan, wurden die Kabel der Stromversorgung unterirdisch verlegt, und 1970 wurde in der Minsheng Community die erst städtische Abwasserkläranlage Taiwans in den Betrieb genommen. Es ist heutzutage schwer vorstellbar, aber nach Angaben von Medienberichten war die Community die erste Nachbarschaft  Taipehs, über der nicht tagein tagaus ein subtiler Geruch von septischem Tank lag.

„Natürlich ist es schöner hier, ihr Amerikaner habt das ja hier gebaut“, beantwortet der Anwohner Frank Wang die Frage (gestellt von einem europäischen Reporter), weshalb die Minsheng Community so besonders ist. Wang lebt schon seit dreißig Jahren in der Fujin Street, die mit ihren majestätischen Banyan- und Bohdibäumen unbestreitbar die grünste Straße des Viertels ist.

„Zuerst haben Beamte hier gewohnt und Techniker von dem Luftwaffenstützpunkt auf dem Songshan Airport. Und in den letzten zehn Jahren sind die Designer gekommen“, berichtet Wang.

Fujin Street: Taipehs Designerstraße

Die Dichte von Designfirmen in der Gegend, auf die sich Wang bezieht, ist beachtlich: Auf dem nur 800 Meter langen Stück der Fujin Street von Dunhua North Road bis zu Sanming Road, können nicht weniger als fünfundzwanzig Erdgeschossbüros gezählt werden, die unter die Kategorie Designer fallen: Innenaustatter, Produkt- und Verpackungsdesigner, Garten- und Landschaftsbaudesigner und Architekten.

Diese neue Gruppe von Anwohnern brachte vieles mit sich, das die Gegend noch europäischer wirken lässt. Kunstvolle Beleuchtung bescheint die Fassaden, Töpferwaren und kleine Teiche schmücken liebevoll die kleinen, oft parkartigen Vorgärten der Designstudios. Sportwagen, die in den Alleen geparkt sind, veranschaulichen den Erfolg der jungen Besitzer der Designstudios.

Display- und Verpackungsdesiger Boggy Chiu (邱柏舉) von Very-Green Design (倡丘設計) zählt die Gründe auf, warum es so viel mehr Designer in dieser Gegend gibt, als in anderen Teilen Taipehs: „Erdgeschossbüros sind viel besser zum Arbeiten als anonyme Bürogebäude. Es ist ruhiger hier, und Mieten sind nicht übertrieben hoch. Außerdem ist die Ansammlung von kreativen Firmen hier auch sehr inspirierend.“

Chiu ist sich nicht bewusst, dass Stadtplaner der Vereinten Nationen verantwortlich waren für die ursprüngliche Erbauung der Minsheng Community. Er denkt, dass die Gegend so ausländisch aussähe, weil die meisten Bewohner einer höheren Bildungsgrad hätten. Es lebten auch viele Doktoren, Professoren und Künstler in dem Viertel, die, wie die Designer, eher als andere Gruppen der Gesellschaft dazu neigten, ihren Urlaub in europäischen Ländern zu verbringen. Boggy Chiu sagt: „Taiwanesen kümmern sich traditionell nicht sehr um die Fassaden ihrer Häuser, aber die Leute hier haben ganz offensichtlich eine Menge Inspiration aus dem Ausland geschöpft.“

Dass der Versuch, üppige Vegetation mit der großstädtischen Seele aus Stein und Beton zu kombinieren auch Kopfschmerzen bereitet und manchmal zu Konflikten führt, weiß der Garten- und Landschaftsbauexperte und Autor zum Thema großstädtischer Begrünung Chen Kun-can (陳坤燦).

Er erklärt per E-mail: „Das Problem ist, dass die Auswahl der Bäume der Alleen in der Community nicht ideal ist. Banyan- und Bohdibäume sind sehr schön, aber die Wurzeln dieser Baumarten sind so kräftig, dass sie Asphalt und Wasserrohre brechen.“

In seinen Augen mache die Stadt gute Arbeit, um Beschädigungen von Eigentum und Unfällen zu vermeiden. Viele Anwohner teilten jedoch nicht diese Meinung.

Nach Chens Einschätzung wäre es jenen Leuten lieber, wenn „die Bäume ausgegraben und nach irgentwo anders hin umgepflanzt würden.“

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