Ein junger Mann aus der deutschen Provinz auf Arbeitssuche in Fernost

Es ist acht Uhr morgens, die Sonne scheint, es ist warm, und es ist ein Montag Anfang Februar. Auf den Fahrplantafeln des Busbahnhofs ist kein einziger Buchstabe von A bis Z zu sehen, denn es ist alles auf Chinesisch. An den Bussen selbst, in die sich im Minutentakt die Pendler zwängen, ist nur je eine große Nummer und Reklame für Online-Spiele mit schwertschwingenden Samurai-Rittern. Die Menschen haben es eilig und scheinen gestresst, doch einer der Passagiere fällt ins Auge. Er ist kein Taiwanese und sieht so aus, als wäre er die Ruhe selbst – Waldemar Horn, 24 Jahre alt und auch an diesem Morgen auf dem Weg zu einem Vorstellungsgespräch.

Waldemar Horn kommt aus Brakel, einem kleinen Ort in Ostwestfalen-Lippe. Der Unterschied seines Heimatortes zum fernöstlichen Taipeh könnte größer kaum sein, denn die pulsierenden Metropole Taiwans hat fast sieben Millionen Einwohner. Horn hat eine Berufsausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel hinter sich, doch in Asien zu arbeiten war schon immer sein Traum. Die Computerbranche boomt in Taiwan, und darum erhofft sich der junge Deutsche seine Chance. Um sich bei den Herstellern von Monitoren, Tastaturen und Notebook-Computern persönlich vorzustellen, flog der 24-jährige um den halben Erdball.

„Ich schau mich lieber in Taiwan nach Arbeit um“, erklärt Waldemar Horn den Beweggrund für die Durchführung seiner langen Reise. „Mein Kumpel, der zeitgleich mit mir die Lehre abgeschlossen hat, ist jetzt arbeitslos und geht durch eine Arbeitsamtsmaßnahme nach der anderen. Da geht es mir hier besser.“

Bus Nummer 236 nähert sich ein bisschen zu zügig der Bushaltestelle und hält abrupt. Waldemar Horn steigt ein, hält das Portemonnaie vor das Kästchen mit dem Sensor neben dem Fahrer. Ein vertrautes Bib-bib-bib ist zu hören, und Horn erklärt: „Das ist High-tech Made in Taiwan“. Nach zehn Minuten steigt Horn wieder aus, denn jetzt geht die Fahrt weiter mit der MRT, der hochmoderner Taipeher U-Bahn. Die ist der Stolz der Bewohner der Stadt, denn sie ist blitzeblank sauber, sicher und hat so gut wie nie Verspätung. Wieder das Portemonnaie, wieder das Sensorkästchen und wieder das Bib-bib-bib; mit der praktischen „Easy Card“ kann man nicht nur das Fahrgeld für öffentliche Verkehrsmittel zahlen, sondern auch einkaufen, parken und sogar taxifahren.

Im Internet findet Waldemar Horn die Firmen, bei denen er sich bewirbt. Als Arbeitsfeld schwebt Horn vor, taiwanesischen Herstellern von Elektronikprodukten zu helfen, in Deutschland Abnehmer zu finden. Seit neun Monaten sucht er nun schon aktiv, und ihm zu Folge stöße er immer wieder auf das gleiche Problem, und das wäre der Umstand, dass seine Chinesischkenntnisse noch nicht ausreichten.

Waldemar Horn erinnert sich an erste Kontaktaufnahmen mit Personalleitern: „Manche legen sofort den Hörer auf, wenn sie merken, dass sie es mit einem Ausländer zu tun haben.“

Doch an diesem Montag scheint es besser zu laufen für den jungen Mann aus Ostwestfalen-Lippe. Das Vorstellungsgespräch ist in einem Bürogebäude im elften Stock, und die Empfangsdame bitten Ihn in einem Konferenzraum zu warten. Horn ist ein wenig nervös.Wird diese Firma einen Nicht-Taiwanesen als Kaufmann akzeptieren?

Nach wenigen Minuten ist der Arbeitssuchende von der Qual des Wartens erlöst, die Abteilungsleiterin betritt den Raum, spricht gutes Englisch und ist von Herrn Horn begeistert. Wenn es nach ihr ginge, hätte er den Job, nur die Formalitäten zur Beantragung einer Arbeitserlaubnis müssten noch geklärt werden. Ein freundlicher Handschlag, ein „Sie hören Morgen von mir“, und Waldemar Horn macht sich erleichtert auf den Heimweg.

Gutes Chinesisch sei am wichtigsten und darum nimmt Horn täglich Unterricht an einer Taipeher Uni. Am Anfang sei es schwer gewesen, aber das Einprägen der tausenden von Zeichen würde im Laufe der Zeit immer einfacher. Mittlerweile sind Horn auch die Busfahrpläne kein Rätsel mehr und es macht ihm viel Spaß, sich immer und überall mit den Leuten in Taiwan unterhalten zu können. Bezüglich der Arbeitssuche ist Waldemar Horn zuversichtlich. Die Formel sei einfach: „Je besser mein Chinesisch, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass ich bald gutes Geld in Taiwan verdienen werde.“

Wäre da noch etwas, was in Taiwan abgesehen von Chinesischkenntnissen wichig wäre? Doch, doch, doch, so der junge Mann aus Ostwestfalen-Lippe. Mit Kennerblick erklärt er: „Man muss mit Stäbchen essen können. Da bin ich im Vorteil, denn ich habe das schon in Deutschland oft geübt.“

 

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