Taiwans deutscher Grundschullehrer

Den Dialog auf der high-tech Projektorleinwand mit Touchscreen-Funktion betrachten die taiwanesischen Mädchen und Jungen mit fachmännisch abschätzigem Blick:

Am Abnedborttisch

Schwester 1: Hei, hol mich schenll ein Glahs Tea.

Schwester 2: Und mir einen Affel, aber mach schenll.

Ashenputtel gäht und hollt die Saschen.

Die blauen Augen des fast zwei Meter großen Paukers mit weißem Haar nehmen die Kinder streng ins Visier. „Wer weiss, was falsch ist?“ brüllt er auf Deutsch, und ein Dutzend Hände schnellen in die Höhe. Die Kinder strecken sich, sitzen kerzengrade auf den vorderen Kanten ihrer Stühle. Sie alle wissen die Antwort, sie alle wollen den Zauberstab des Lehrers – den futuristischen Laserstift, mit dem man die lächerlich einfachen Fehler auf der Tafel korrigieren kann.

Michael Varnhorn ist Taiwans deutscher Grundschullehrer. Die Schule, an der der 52-jährige Dortmunder unterrichtet, ist eine besondere. Sie ist der Universität für Lehrerausbildung angegliedert, gilt als experimentell, und viele der Schüler sind Kinder aus Akademikerfamilien. Neben dem regulären Unterricht bietet die Grundschule an Nachmittagen Arbeitsgemeinschaften an: es gibt die Standardtanz-AG, die Taekwondo-AG, die Tauzieh-AG und eben auch die Deutsch-AG. Die Eltern der Schüler sind ambitioniert, und da viel Wert auf die ganz korrekte Aussprache des Nachwuchses gelegt wird, sind sie bereit, für einen „richtigen“ Lehrer aus Deutschland mehr Schulgeld zu zahlen.

Michael Varnhorn

„Deutschklasse macht uns Spaß, aber manchmal wird Lehrer Michael ganz schön böse“, berichtet die 11-jährige Ann Yang während des Unterrichts hinter vorgehaltener Hand. Der Schülerin fällt das Wort “manchmal“ nicht ein, also vermischen sich in ihrer Rede Deutsch und Chinesisch, denn Chinesisch ist die Muttersprache der Taipeher Schüler. Englisch spreche Ann auch, sie sei auch schon mal in Australien gewesen. Doch Ann winkt ab: „Englischunterricht finde ich langweilig.“

Vor zwanzig Jahren kam Michael Varnhorn als Übersetzer nach Taipeh, der Hauptstadt Taiwans. Bedarf an Lehrern europäischer Sprachen gab es damals wie heute viel, und so wurde aus dem Übersetzer Deutschdozent an einer Uni. Eine der Studentinnen Varnhorns wurde nach dem Studium Grundschullehrerin, und als sich Jahre später ihr Weg wieder mit ihrem ehemaligen Deutschdozenten kreutze, lud sie den Dortmunder in ihre Schule ein. Nach der ersten Deutschklasse waren Lehrerschaft, Eltern und Schüler begeistert, nur ein Beteiligter konnte dem Rummel um die Deutsch-AG nichts abgewinnen, und das war Varnhorn selbst. Er erinnert sich: „Eigentlich wollte ich sofort kündigen, weil diese Blagen mir so fürchterlich auf die Nerven gingen.“

Wie ein Zirkusdompteur käme Michael Varnhorn sich oft vor. Das typischen Vorurteil, das viele Deutsche von Asiaten hätten, nämlich das sie selbstbeherrscht und zurückhaltend seien, würde nach nur einer Minute im Klassenraum mit seinen Schülern verworfen. Die Kinder seien laut und selbstbewusst, und es hätte auch lange gedauert, bis sie ihn, den deutschen Pauker Michael, respektiert hätten. „Meine weissen Haare habe ich von der Deutsch-AG, da bin ich mir sicher“, so Vahrnhorn.

Doch der Dortmunder Lehrer hält nicht alles für negativ an dem Job. Manchmal seie die Arbeit mit Kindern auch sehr schön. Varnhorn verzichtet seit einem Jahr auf das Lehren mit Schulbüchern und setzt auf das Vermitteln der deutschen Sprache durch Theater- und Rollenspiele. Varnhorn erinnert sich an eine Theateraufführung seiner Klasse im letzten Jahr: „Beim Rotkäppchen waren alle im Saal gerührt, die Lehrer, die Eltern, und sogar mir sind die Tränen gekommen.“

Lehrer Michael könne das „Nicht-still-sitzenbleiben-wollen“ seiner taiwanesischen Schüler auch verstehen, denn sie verbringen seiner Ansicht nach viel zu viel Zeit in Klassenzimmern. Varnhorn beschreibt den Alltag der Kinder: „Von Morgens bis in den Nachmittag sind die in der Grundschule, Abends und an den Samstagen in der Nachhilfeschule, und am Sonntag gibts dann noch Klavierunterricht. Wer in Taiwan Grundschüler ist, hat einen Vollzeitjob.“

Michael Varnhorn lebt sehr gerne in seiner Wahlheimat Taipeh. Er ist Mieter eines Appartements mit großer Terrasse und wohnt sozusagen im Schatten des Wahrzeichens der Stadt, dem Taipei 101, dem zweithöchsten Gebäude der Erde. Varnhorn zählt viele Taiwanesen zu seinen Freunden, und in Taipeh lebende Deutsche kennt er auch, einige von ihnen sind wie er Deutschlehrer an Universitäten. Zu Bekannten in Deutschland ist der Kontakt im Laufe der Jahre immer spärlicher geworden, nur das „Facebook“-Phänomen führte dazu, dass er sich wieder regelmäßig mit Freunden von früher schreibt. Einmal im Jahr fliegt Vahrnhorn nach Deutschland, um seine 84-jährige Mutter in Castrop-Rauxel zu besuchen.

Und seinen eigenen Lebensabend? Den möchte Varnhorn gerne in Taiwan verbringen, er könne sich nicht vorstellen, je wieder in Deutschland zu leben. Ein kleines Häuschen möchte er sich kaufen, vielleicht im Süden des Landes, denn dann fehlte ihm an nichts. Varnhorn drückt es humorvoll aus, er sagt: „Wenn man als Deutscher hier wohnt, muss man sich nicht etwa die Suppenwürfel einfliegen lassen. Taiwan ist entwickelt und zivilisiert, und man bekommt hier alles was man braucht.“

 

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